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08297.ude

meine geschichte hätte sich so für jeden jungen zutragen können; an jeder anderen ecke der stadt wäre sie genau so passiert, mit denselben protagonisten, denselben unheimlichen gestalten… und wäre genauso seltsam gewesen. ich weisz nicht, ob man die story glauben soll, ich will sie jdfs. erzählen…, und das sei der einzige grund, warum man sich geschichten anhört.

kuck…, hier haben wir gewohnt. vierter stock. da wo der weihnachtsmann hängt…

die kohlenhandlung der zigeunerin ude war auf einem eckgrundstück gelegen der strasze, die nach der einen seite zur schönhauser allee… zur sbahn, zum kino, zum eisladen… also nach dem zentrum ging; und deren anderes ende in einigen hundert metern abrupt endete. dort, wo sie eigentlich durch einen tunnel führen sollte, über den man wie mein opa erzählte, in den wedding gelangte, stand, zur zeit als ich – nachdem mich der storch von irgendeinem feld vor der stadt, wo ich bisher als kohlrübe dumm in der gegend…; also der storch jdfs. direkt in der maria heimsuchung abgeliefert hatte – mit meinen durchaus armen eltern in einem gemeinsamen zimmer nebst küche (deren spüle mir als badewanne gedient haben soll)… stand also damals: die MAUER. ihr seht, dasz bisher alles zusammenpaszt, oder? während für die meisten der charlottenburger, an deren witzen über den grauen osten ich mir später mein pubertierendes hirn aufrieb; kohle, briketts, halbzentner… schon relikte wiegesagt grauer vorzeit waren, gehörte für mich, meine kleinen kumpels und meinen nervigen bruder ALLES was damit zusammenhing zur normalität. doch ist das element, um das es vielleicht im folgenden gehen wird, damit etwas flach umrissen. kohle war nicht nur das, was hinter den glasscheiben der allesbrenner in den wohnungen für das erlebnis feuer sorgte. kohle war ein eimer mit dreck in der ecke. kohle war ein fluchender vater, der mit blutüberströmtem kopf aus dem keller kam, weil er ihn an einem rohr angeschlagen hatte. und kohle war ganz eigentlich der KELLER. und der keller ist hier ein weites feld. zuerst ein riesiges gebiet, durch das man unter den häusern hindurch von einem ende der strasze zum anderen gelangt. aber das kommt jetzt hier zu kurz. kohle an sich war jdfs. auch der marsch zur nächsten ecke, wo sich die brennstoffhandlung damals befand. ich bin mir sicher, dasz mein vater, dasz meine groszeltern, die im selben haus wohnten…, jdfs. nicht die kohle im bollerwagen von der ecke in unseren keller schafften, das werden die gesellen der frau ude wohl besorgt haben. ich weisz also nicht genau, was wir dort immer zu suchen hatten.

wenn ich es mir ein wenig zurechtlege, sind wir zumindest für holz dort regelmäszig rübergegangen. ich hätte die ude eigentlich kennen sollen…, aber dann wäre die geschichte nie passiert. aus mir wäre ein anderer junge geworden, und später ein anderer mensch. wahrscheinlich wäre ich als student wieder in die gegend gezogen, weil dort mehr los war als am savignyplatz. aber ich hatte eine dunkle scheu vor dem tunnel, vor der ecke mit der zigeunerin und vor den kellern.

I.

unter dem haus von nummer 5 einer der straszen, die bis zur bornholmer brücke allesamt den namen irgendeiner skandinavischen (begebenheit) tragen und die regelmäszig bis dorthin von der mauer zu sackgassen begrenzt wurden, lag, einigermaszen gut zugänglich und riesengrosz, die wände mit stapeln unzerkleinerten brennzholzes verkleidet – der keller meines groszvaters. wahrscheinlich gehörte er zur hälfte auch der oma.

in der hinteren linken ecke standen briketts in zentnerbunden. damals wuszte ich noch nicht, dasz sich auch auf andere art wohnungen im winter heizen lassen, aber das ist wohl natürlich. bevor man vielleicht acht, neun, zehn jahre alt wird, ist die welt so, wie sie ist, glaube ich. die kohle kommt aus dem keller und das holz für den ofen. vorher wird es auf einem block gespalten, dabei hat man ein stück beiseite zu stehen. wenn das beil im scheit steckt, darf ich versuchen, es zu spalten. so ist die welt und ich glaube, sie ist wirklich so, meine eigenen kinder würden es bestätigen. klar heizen wir nicht mit holz und kohle, aber das prinzip ist immer dasselbe. bevor dein arm nicht schwerer ist als das beil, wird es dir kein vernünftiger opa in die hand drücken und sagen, mach mal. dafür hat er mir jede menge andern scheisz beigebracht. er war nicht nicht nur einfach feuerwehrmann, sondern oberlöschmeister. durch diese tatsache werden einige der zwar dadurch nicht vernünftiger erscheinenden, aber immerhin vom fachmann auf diese art lehrreich vermittelten masznahmen, feuer in jeglicher weise zu legen und auch wieder zu löschen, womöglich legitimiert, in ihrem irrsinn relativiert.

links an der wand eine werkbank. in der rechten, eingebaut inmitten des holzes irgendwo, ein röhrenradio…, immens. die werkbank, darüber wohlgeordnet in schubläden wie es sein soll schrauben nägel muttern usw., werkzeug zwischen nägeln an der wand und unter der bank. alles pikobello, und so, dasz das bild der werkstatt daraus erwächst, das immer das archebild meines werkstattverständnisses bleiben wird. sie ähneln sich alle, natürlich, und jede werkstatt ist nach einem bekannten muster eingerichtet. dieses geht auf die einrichtung der werkstatt meines groszvaters im keller unter der nummer 5 zurück. ich erkenne, wann etwas eine werkstatt ist. und wann eine küche. ich liebe diese beobachtung: „…sie verschwand wieder in der Küche. Alte Leute verschwinden dauernd in Küchen.“ nora wagener hat sie festgehalten. Meine Oma verschwand in der Küche, mein Opa regelmäszig im Keller. Es gab wohl immer irgendwas zu tun. ich jdfs. habe im keller viel gelernt und für meine verhältnisse damals auch viel gearbeitet. küche war passiv, keller aktiv. ich bin ein kellerkind, aber das waren wir alle.

1.

natürlich waren auch die anderen häuser der strasze durch katakomben und mit unserem über diese verbunden. uns, also einer bande von keksen, die in meiner erinnerung deshalb ständig den kindergarten geschwänzt haben müssen, gehörten diese gänge. wir wohnten in den löchern, für die später, lange nachdem die welt sich weitergedreht hatte, die menschen anfingen, horrende mieten zu zahlen, weil der bezirk so abgefuckt war. keiner wollte während des studiums mehr am savignyplatz wohnen, wenige jdfs. blieben hier, die meisten zogen nach der schule in irgendeins dieser löcher. ich bewohnte ein ebensolches im wedding und ein ebensolches in spandau und heizte auch dort mit holz und mit kohle. es hat nicht lange gedauert, bis die straszen mit den skandinavischen namen saniert waren und die zigeunerin ihren laden dichtmachte. im wedding riecht es im winter immer noch nach wedding.

die bande bestand wohl aus vier, fünf ungezogenen gören, ob ein mädchen dabei war, kann ich nicht mehr sagen. dann wären es mehr als fünf gewesen, denn an ein paar gesichter erinnere ich mich. es gab einen kurzgeschorenen blonden, der bestimmt zu kurze fingerkuppen und eine stupsnase hatte; einen mulatten, der im zweiten stock wohnte und bei dem es nach knoblauch gerochen haben musz; ein weichei – blond, hübsch, ängstlich; einen mit längeren, dunklen, fettigen haaren und schuppen und einen mit längeren, dunklen und schönen haaren ohne schuppen. das weichei war ich, und natürlich war der junge mit schuppen mein bester freund. ich werde ihm einen namen geben müssen, oder…

es ist klar, wie wir damals alle hieszen. es sind die namen derer, die jetzt die redaktionen der stadtmagazine, der tageszeitungen, der oldiesender besetzen. namen von clubbesitzern, von cafebetreibern…, bullshit: aus den wenigsten der zurückgebliebenen wird was vernünftiges geworden sein, die mikes und svens und ollis sind zwar auch alt geworden, treten jedoch öffentlich wenig in erscheinung. sie reiszen immer noch kohleöfen ab, verkaufen usbzigaretten oder sind vielleicht filialleiter irgendeines schwachsinnigen marktes geworden, der jetzt da steht, wo früher…, aber lassen wir das. ich werde meinen kumpels andere namen geben müssen, damit sie mir irgendwie sympathisch erscheinen können. und euch. ein spettat zu werden, entscheidet man erst nach dem kindergarten…

daniel.

so hätte er jdfs. geheiszen glaube ich, wenn wir heute noch befreundet wären. das ist ca. der häufigste name neben jan, alex, markus und tobias; und neben einen von diesen habe ich immer gesessen in der schule, nachdem ich bis zum wechsel der systeme, also bis die welt sich weiterdrehen würde, den unterricht zusammen mit mike/sven/olli/dirk nachhaltig gestört hatte. wären wir zehn jahre später geboren, würden sie uns mit ritalin vollgepumpt haben, so waren es nur fluortabletten für die gesundheit der zähne. im ferienlager, in das wir in den ferien im sommer und in den ferien im winter verfrachtet wurden, lernten wir, an leckere, atemerfrischende hustentabletten zu gelangen, indem wir naja eben halsschmerzen simulierten. die ferienlager gehörten zum betrieb, in dem die eltern arbeiteten und hieszen deshalb auch betriebsferienlager. man darf sich das wie die fahrten des bezirksamts vorstellen, eher so als die der falken oder pfadfinder. es gab aber eigentlich nix anderes. daniel, der hier ein anderer (ohne schuppen) ist als der aus dem keller, war immer gut in tischtennis, konnte mit dem luftgewehr umgehen und nahm mir prinzipiell die mädchen weg. wir lasen micky maus und donald duck hefte, spielten autokarten und verloren unsere taschenmesser. einmal hatte er an seinem zeigefinger einen dorn, also einen richtigen dorn, ein fingernagel, der nicht wie ein gewöhnlicher nagel gewachsen war, sondern eben wie eine kralle. mit diesem daniel habe ich mich sehr gut verstanden. wenn der tee, der in einem groszen alubottich mit zapfhahn irgendwo rumstand dort lange genug rumstand, wurde er langsam sauer, schmeckte uns wie wein. ich nehme an, er hatte dann auch alkohol gebildet, so süsz wie der war. wir jdfs. besoffen uns damit. heute würde man nur sagen, wir hätten diesen tee gefeiert…, was eine alberne konstruktion ist meine ich, die nicht viel aussagt.

ulli.

manchmal liegt man oben, manchmal unten, das ist so. unten hat den vorteil, dasz sich die mädchen, wenn sie nachts angeschlichen kommen, zu dir ins bett setzen, statt hoch zu daniel zu klettern. zuhause schlief ich auch unten, lange, sehr lange…, bis ich irgendwann die kammer bekam. sonst waren dort manchmal im jahr gastarbeiter untergebracht, die etwas geld ins haus brachten; ein findelkind, das zuhause wegmuszte, hat eine zeitlang darin gewohnt, ein durchsichtiges kleines ding mit riesengroszer klappe. ulli. ulli spül doch mal, wenn du aufm clo warst…; ich weisz nicht warum, aber das kannte sie nicht, dieses zirkuskind…

  • sind wir endlich umgezogen?

ja, schon lange. wir sind vom zweiten in den vierten stock gezogen, der bruder war geboren worden und ein eigenes zimmer für die eltern war drin, die bis dort nur eine regalwand von mir trennte. ich kann mich an diese zweite wohnung sehr gut erinnern. es gab ein clo und eine dusche, ein zimmer rechts, ein zimmer links, vorne die küche, hinten in der küche die kammer. und darin ulli, die poltert, wenn ich auf dem clo sitze.